31 May 2026, 10:24

Wie Gastarbeiterfamilien bis heute unter Isolation und psychischen Folgen leiden

"Kartonwand": Fatih Çevikkollu's Reading on Migration and Psychological Traces in Old Age

Wie Gastarbeiterfamilien bis heute unter Isolation und psychischen Folgen leiden

Vor über 60 Jahren warb Deutschland ausländische Arbeitskräfte an, um die durch den Zweiten Weltkrieg entstandenen Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen. Unter ihnen waren auch die Eltern des Komikers Fatih Çevikkollu, die mit der Absicht einreisten, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Doch als sich die politischen Rahmenbedingungen änderten, blieben sie – wie viele Migrantenfamilien ihrer Generation – und sahen sich mit Herausforderungen konfrontiert, die bis heute nachwirken.

Heute weisen Expertinnen und Experten auf die psychischen Belastungen älterer Migrantinnen und Migranten hin, die oft durch Isolation und kulturelle Barrieren im Gesundheitswesen verschärft werden. Die Geschichte von Çevikkollus Mutter – einst Lehrerin in der Türkei, später Näherin in Deutschland – steht exemplarisch für Probleme, die ganze Communities bis heute prägen.

In den 1960er-Jahren holte Deutschland Arbeitskräfte aus Ländern wie der Türkei ins Land, um den Wiederaufbau der Nachkriegswirtschaft voranzutreiben. Çevikkollus Eltern gehörten zu denen, die zunächst nur vorübergehend bleiben wollten. Sein Vater, ein gelernter Schlosser, und seine Mutter, eine ehemalige Grundschullehrerin, begannen ein neues Leben in einem fremden Land – mit anderen Erwartungen, als sie es kannten.

Das sogenannte „Rotationsprinzip“, das eine Rückkehr der Arbeitsmigranten vorsah, wurde in den 1970er-Jahren aufgrund massiver Arbeitskräftemängel aufgegeben. Bei rund 600.000 offenen Stellen und nur 50.000 verfügbaren Arbeitskräften war Deutschland auf die bleibenden Migrantinnen und Migranten angewiesen. Viele, wie Çevikkollus Familie, blieben – doch der Verbleib war mit Schwierigkeiten verbunden.

Der berufliche Abstieg seiner Mutter von der Lehrerin zur Näherin bedeutete einen Verlust an sozialem Status und führte zu Spannungen in der Familie. Im Alter lebte sie allein, hörte Stimmen und zog sich von ihrer Umgebung zurück. Fachleute vermuten, dass sie unter einer Psychose litt – eine Erkrankung, deren Behandlung durch kulturelle Unterschiede im Verständnis von psychischen Leiden zusätzlich erschwert wurde.

Dr. Uwe Johansson und Dr. Gursel Capanoglu betonen, dass Einsamkeit bei älteren Migrantinnen und Migranten häufig zu psychischen Problemen führt. Viele haben trotz bestehender Angebote Schwierigkeiten, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. Die LWL-Klinik Dortmund bietet zwar kultursensible psychiatrische Behandlungen an, doch die Hürden bleiben hoch.

Unterschiedliche Krankheitskonzepte verschärfen die Problematik: Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund beschreiben psychische Belastungen oft über körperliche Symptome, während westliche Diagnosekriterien andere Schwerpunkte setzen. Fachleute fordern mehrsprachige Unterstützung, Dolmetscherdienste und angepasste Therapieansätze, um diese Kluft zu überbrücken. Kliniken müssten flexiblere, kulturbewusstere Konzepte entwickeln, um die Versorgung zu verbessern.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

Die Erfahrungen von Çevikkollus Familie spiegeln die vieler Migrantinnen und Migranten der ersten Generation wider, die in Deutschland blieben. Ihre Geschichten zeigen, wie dringend es nach wie vor kultursensible Angebote in der psychischen Gesundheitsversorgung braucht – insbesondere für ältere Menschen, die mit Isolation kämpfen. Mit mehr kulturellem Verständnis und maßgeschneiderter Unterstützung, so die Überzeugung von Expertinnen und Experten, ließen sich die Behandlungsmöglichkeiten für Migrantengemeinschaften auch Jahrzehnte später noch deutlich verbessern.

Quelle