16 March 2026, 00:26

Milo Rau inszeniert fiktiven AfD-Prozess bei den Hamburger Lessing-Tagen

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung eines überfüllten Gerichtssaals mit stehenden und sitzenden Menschen, beschriftet mit «Der Prozess gegen die britische Armee in London, England».

Regisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Milo Rau inszeniert fiktiven AfD-Prozess bei den Hamburger Lessing-Tagen

Hamburgs Thalia Theater wagt in diesem Jahr ein kühnes theaterpolitisches Experiment: Der Schweizer Regisseur Milo Rau bringt sein umstrittenes "Prozess"-Format erstmals nach Deutschland. Unter dem Titel Der Prozess gegen Deutschland wird die Veranstaltung die Hamburger Lessing-Tage mit einer dreitägigen Live-Performance abschließen, die online auf ZDF live übertragen wird.

Die Produktion markiert Rau debüt mit einer seiner charakteristischen Scheinverhandlungen in Deutschland. Seine früheren Werke wie Das Kongo-Tribunal (2015) oder Die Moskauer Prozesse (2013) setzten auf realitätsnahe Nachstellungen und Publikumsbeteiligung, um gesellschaftliche Debatten anzustoßen. Diesmal steht ein fiktives Verbot der rechtspopulistischen AfD im Mittelpunkt.

Statt Schauspieler werden Juristen und Rechtsexperten die Verhandlung leiten. Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin übernimmt die Rolle der Vorsitzenden Richterin. Die Veranstaltung wird als Live-Stream auf der Website des Theaters zu sehen sein und so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Hamburger Lessing-Tage, 2010 vom damaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux ins Leben gerufen, werden in diesem Jahr von Matthias Lilienthal kuratiert, der kürzlich als designierter künstlerischer Leiter der Berliner Volksbühne berufen wurde. Raus Inszenierung bildet den Abschluss des Festivals – eine konfrontative Auseinandersetzung mit der politischen Landschaft Deutschlands.

Der Prozess gegen Deutschland erstreckt sich über drei Tage und verbindet Theater mit realer juristischer Debatte. Die Live-Übertragung soll ein Publikum über den Veranstaltungsort hinaus erreichen. Das Ergebnis – ob symbolisch oder provokant – dürfte die Diskussion über die Zukunft der AfD weiter anheizen.

AKTUALISIERUNG

Jury teilt sich bei AfD-Verbot in Milo Rau's theatralischem Tribunal

Der dreitägige Prozess gegen Deutschland endete mit einer geteilten Jury-Entscheidung. Das Gremium befand die AfD in Kernbereichen für verfassungswidrig (5-2 bei Menschenwürdeverletzungen), entschied jedoch keine vollständige Verbannung (2 Ja, 2 Enthaltungen, 3 Nein). Eine separate Abstimmung ergab eine 4-3-Unterstützung für den Ausschluss der Partei aus der staatlichen Finanzierung. Die Ergebnisse zeigen den symbolischen, aber ungelösten politischen Einfluss des Ereignisses.