Ex-Airbus-Chef Enders nennt FCAS-Projekt einen "strategischen Fehler" – und warnt vor dem Scheitern
Friedl RädelEx-Airbus-Chef Enders nennt FCAS-Projekt einen "strategischen Fehler" – und warnt vor dem Scheitern
Der ehemalige Airbus-Chef Thomas Enders hat Deutschlands Entscheidung aus dem Jahr 2017 scharf kritisiert, sich im Rahmen des nächsten Kampfflugzeugs der nächsten Generation, dem FCAS, mit Frankreich statt mit Großbritannien zu verbünden. Er bezeichnete dies als "strategischen Fehler" und warnte, dass das problembehaftete Projekt bis Anfang 2026 scheitern könnte. Seine Äußerungen unterstreichen die tiefen Spannungen innerhalb Europas bei der Zukunftsstrategie für Kampfflugzeuge.
Im Mittelpunkt des Streits stehen die langjährigen Konflikte zwischen Airbus und dem französischen Hersteller Dassault über die Führung des FCAS-Programms, die Kostenverteilung sowie technische Inkompatibilitäten. Gleichzeitig stuft die deutsche Regierung das Vorhaben inzwischen als hochriskant ein – Verzögerungen und Uneinigkeiten treiben es an den Rand des Scheiterns.
Enders argumentierte, dass Deutschlands Beharren auf einem eigenständigen Kampfflugzeugprogramm im Falle eines FCAS-Scheiterns "industriepolitische Hybris" wäre. Zwar räumte er ein, dass das Land technisch in der Lage sei, ein eigenes Flugzeug zu bauen, warnte jedoch vor "kolossalen" Kosten und einem Einsatzzeitraum, der sich bis in die späten 2040er-Jahre erstrecken würde. Stattdessen plädierte er für Investitionen in autonome Drohnensysteme – unbemannte Kampfflugzeuge (UCAVs) –, die er als Zukunft der militärischen Luftfahrt sieht.
Seine Position steht im Widerspruch zu führenden Vertretern der Branche, darunter der aktuelle Airbus-Chef Guillaume Faury, der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und die IG Metall. Diese Gruppen befürworten eine Zusammenarbeit mit Großbritannien oder Schweden und verweisen auf das von London geführte GCAP-Programm (an dem auch Italien und Japan beteiligt sind) als fortgeschrittenere Alternative. Enders jedoch warnte, dass ein später Einstieg in GCAP hohe Kosten und weitere Verzögerungen mit sich bringen würde – angesichts akuter Sicherheitsbedrohungen ein riskantes Unterfangen.
Die deutsche Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz teilt die Bedenken gegenüber FCAS. Beamte verweisen auf ungelöste Streitigkeiten über die Arbeitsaufteilung zwischen Airbus und Dassault sowie auf divergierende Anforderungen: Frankreich benötigt trägergestützte, nuklearfähige Jets, während Deutschland andere Prioritäten setzt. Als mögliche Notlösung wird eine "Zwei-Flugzeug-Lösung" diskutiert, bei der separate Maschinen über eine gemeinsame Combat Cloud vernetzt wären. Doch selbst dieser Kompromiss birgt das Risiko weiterer Rückschläge.
Enders lehnte auch den schlichten Kauf amerikanischer Kampfflugzeuge ab. Er betonte die Notwendigkeit, Europas industrielle und technologische Unabhängigkeit zu stärken, ohne jedoch ein rein deutsches Projekt zu befürworten. Sein Fokus liegt auf autonomen Systemen als der klügeren langfristigen Investition.
Die Zukunft des FCAS-Projekts ist nun ungewiss: Technische Differenzen, finanzielle Streitigkeiten und politischer Druck nehmen zu. Sollte das Programm scheitern, könnte Deutschland auf Alternativen wie GCAP oder sogar eine nationale Lösung ausweichen – trotz Enders' Warnungen vor Kosten und Verzögerungen. Die Debatte zeigt jedenfalls, wie schwer sich Europa tut, industriellen Ehrgeiz, militärische Erfordernisse und die sich wandelnde Landschaft der Luftkriegsführung in Einklang zu bringen.